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Thomas Milz / Rems-Murr-Zeitung, 16.7.2005 / Von Trockenshopping und dreckigen Märkten /Kunst - oder wie die Globalisierung macht, daß auch wir unsere Elendshütten bekommen

"... Schlicht "Shopping" heißt nun eine von Martin Schick kuratierte Ausstellung, eine fantasievolle Fortschreibung des gleichnamigen Projektes in der Frankfurter "Schirn" vor zwei Jahren, in der Galerie der Stadt Backnang. (...) Ein beklemmendes Sinnbild für den Einbruch der Peripherien ins Zentrum ist der Berliner Künstlergruppe "Das Deutsche Handwerk" gelungen. Katharina Richter, Thomas Raschke und Sebastian Rogler bauten in den ehemals sakralen Chor eine profane, favelaartige Bude, die sie nur "Shop" nennen. Aus Holzteilen, Kartons und einem Plastikwellblechdach zusammengezimmert, finden sich in diesem Gehäuse neben allerlei ausgemustertem Computerschrott, süße Stückchen vom Vortag und "Eingeborenen"-Schmuck aus Zivilisationsscherben auch global verschobene Produkte der sogenannten "dreckigen Märkte": Waffen und ein Ersatzteillager niedlich nachgebildeter Organe. Zentral im Raum das Gemälde eines leeren Chefsessels mit der Beschriftung "bin arm". Dieses Menetekel gerät dem Betrachter unwillkürlich zum Wackelbild, indem ein anderes Wort unheimlich an die Oberfläche drängt: "laden" statt "arm". "Bin Laden", ein grandios aufgeladenes Wortspiel, bei dem die Chiffre der Angst sich in den Zentren des Marktes eingenistet zeigt! (...) Eine kühne Ausstellung, die uns mit ein oder zwei Dingen konfrontiert, die in den nächsten Wahlprogrammen nicht enthalten sein werden."

Nikolaus Jungwirth / Frankfurter Rundschau, 28.07.2004 / Plattenspieler, wertneutral / Aus einer Welt, in der Überzeugungen ihre Unerschütterlichkeit verloren haben: Neue Bilder von Sebastian Rogler in der Frankfurter Galerie Schuster

"Eine der größten Leinwände der Ausstellung (2 mal 2 Meter) zeigt nichts weiter als einen banalen Gebrauchsgegenstand: einen Büro-Drehstuhl. Indem er überlebensgroß und ohne Beiwerk wiedergegeben wird, erhält die profane Sachdarstellung die Anmutung eines Bedeutung heischenden Repräsentativbildnisses. Dieser unbescheidene Auftritt adelt das funktionale Sitzmöbel und unterscheidet es von den Motiven der übrigen Arbeiten. Zwar gibt es formal keinen Unterschied, die flotte Malweise, die stellenweise an altmodische Kinoreklame erinnert, ist die gleiche. Aber während der Bürostuhl den Eindruck macht, als habe er dem Maler ganz real Modell gestanden, handelt es sich bei den übrigen Exponaten um Wiedergaben technisch reproduzierten Bildmaterials. Das "Stuhl-Portrait" erscheint als Abbild eines vom Künstler unmittelbar empfangenen Natureindrucks. Die anderen Arbeiten sind Ergebnisse einer indirekten Auseinandersetzung mit der Realität. Diese Methode ist kennzeichnend für für das Schaffen von Sebastian Rogler, den die Galerie Schuster in Frankfurt sowohl mit kleinen Papierarbeiten, als auch großformatigen Öl- und Acrylbildern vorstellt. Der Künstler collagiert mit Pinsel und Farbe. Er verdichtet die mediale Bilderflut. Seine aus vielen optischen Zitaten bestehenden Tableaus versieht er mit Schriftzeilen. Aber die verweigern jede erklärende Hilfe. Sie stellen keinen logischen Zusammenhang zwischen sich und den disparaten Einzelteilen her, so wie auch diese sich untereinander zu keinem erkennbaren Sinn zusammenfügen. So verlieren sie ihre ursprüngliche Konnotation. Selbst einstmals mit so hoher Bedeutung aufgeladenen Ikonen wie den RAF-Mitgliedern Andreas Baader und Gudrun Ensslin wird der politische Gehalt entzogen. Ihnen wird die gleiche Bedeutungsebene zugewiesen wie Marilyn Monroe und Mickey Mouse, wie dem legendären Braun-Plattenspieler, dem VW-Käfer und anderen museumsreif gewordenen Automodellen, die auf den Bildern zu sehen sind. Nachdem den historischen Gestalten und zu Symbolen für eine bestimmte Epoche gewordenen Industrieerzeugnissen alles Ideologische ausgetrieben worden ist, bleibt nur die verwirrende Oberfläche des allgegenwärtigen Bilderangebots von Presse und Fernsehen. Ein Merkmal verbindet jedoch die scheinbar willkürlich zusammengefügten Realitätssplitter: Sie alle entstammen der Vergangenheit. Die Personen leben nicht mehr, der Plattenspieler und die Autos sind Produkte einer überholten Technik. (...) Diese Gegenwartsferne macht den wesentlichen Unterschied zu ähnlichen collagierten Arbeiten aus, die in der Regel einen kritischen Standpunkt gegenüber dem aktuellen Geschehen einnehmen. Dagegen verwendet der 1961 geborene Künstler seine Fundstücke absolut wertneutral. Er erhebt die Belege einer überlebten Wirklichkeit zu nostalgischen Kultbildern. Damit unternimmt er einen entscheidenen Schritt: Er transformiert eine ursprünglich hochpolitisch gemeinte künstlerische Vorgehensweise und überführt sie in die postideologische Gegenwart, in der Überzeugungen ihre Unerschütterlichkeit eingebüßt haben. Für Sebastian Rogler ist Malen eine Art vegetativer Vorgang. Er selbst hat dafür einen lapidaren Vergleich: "Kunst machen können ist wie Vögeln können. Kann man lernen oder auch nicht.""

Christian Gögger / Esslinger Zeitung, 26.09.2003 / Die Nacht / Ein Rundgang durch Stuttgarter Galerien / Perfide Strategie

"... Optisch opulent und reich an Querverweisen zeigt sich die Künstlergruppe "Das Deutsche Handwerk". Das sind der Maler Sebastian Rogler und der Bildhauer Thomas Raschke, beide 1961 geboren, in der Galerie Rainer Wehr. In einer Art Künstlerwettbewerb haben die beiden aus etwa 20 Vorlagen Zeichnungen, Objekte, Bilder und bearbeitete Readymades versammelt, die die Galerie als einen Dritte Welt Laden erscheinen lassen. Allerdings gehorcht die Vielzahl der akkumulierten Werke verbindlichen Regeln und darüber hinaus einer perfiden Strategie, arbeitet doch jeder der Künstler in seiner Disziplin so, wie er annimmt, vom jeweils Anderen plagiiert zu werden. Also malt der Maler auf eine Weise, wie ihn der Bildhauer nachahmen hätte können und umgekehrt. Kurzum: die Theorie ist selbst schon ein Exponat. Und über allem wacht unverschämt freizügig die Kunstwissenschaftlerin Katharina Richter, aber vielleicht ist die selbst auch nur ein Exponat? (...)."

Kathrin Bettina Müller / tip-Berlin 04/2003, S.80 / Sehenswert / Nur für Erwachsene / Sebastian Rogler in der Galerie Schuster & Scheuermann

"Krieg wird Pop, und Pop wird zum graurosa gestreiften Rauschen in den Bildern, die Sebastian Rogler in der Galerie Schuster & Scheuermann zeigt. Die Welt schrumpft und fällt und schlägt wie ein Geschoss durch den breit aufgespannten Schirm der öffentlichen Bilder. Rogler sammelt die Trümmer ein. Quer durch News, Pornos, Kunst und Politik gehen seine Passagen des Aufpickens von Motiven, die knapp wie ein Logo für einen ganzen Kontext stehen. Er malt sie nach, auf rauen Platten, in einer irgendwie solide anmutenden Handwerklichkeit. Startende Flugzeuge, fallende Bomben, Mickymäuse, Straßenkreuzer, Fahndungsplakate. Das ist eine hysterisierte Oberfläche der Welt, die in seinen Bildern aber zugleich blass wie eine ausgebleichte Tapete daherkommt. Denn nichts ist neu in dieser Welt, die das Ereignis braucht, um in den Zustand des Wahrgenommenwerdens zu treten. "adultes", "alarme", "nudes" und "mirage" steht dazwischen, jedes mal wie ein Aufmerksamkeit heischendes Ausrufezeichen. Mehr und mehr aber breiten sich zwischen diesen Fetzen einer visuellen Kultur der Gewalt Muster und Geometrien aus in nostalgischen Pastellfarben."

aw / Ludwigsburger Nachrichten, 09/1990 / Stillose Telefonkritzeleien / Sebastian Rogler zeigt anonyme Werke

"Eine mutige Ausstellung ist noch bis zum 27. September in der Galerie Karin Gundel (...) zu sehen. Bildliche Notata, Skizzen, pikturale Überlegungen und Experimente des 1961 in Tübingen geborenen Künstlers Sebastian Rogler werden gezeigt. Obwohl es unsinnig ist, nach psychischen Motivationen für künstlerische Entscheidungen zu suchen - eine methodische Grundausrichtung, die es erlaubt, sowohl eine Produktionshaltung als auch ein Produktionsverfahren bis zu einem gewissen Grad zu formulieren, sollte vorhanden sein. Doch nicht nur dieser Mangel macht den Betrachtern der Werke von Rogler zu schaffen, sondern zugleich eine Stillosigkeit sondersgleichen. Seine Bilder sind anonym und beinahe subjektlos; sie breiten sich durch unterschiedliche Medien hindurch aus, lassen sich auf den unvereinbarsten Positionen einbauen und reduzieren selbst noch die Reduktion. Roglers Arbeiten scheinen zu dem Zweck produziert zu sein, möglichst starke und möglichst unkontrollierte psychische Wirkungen zu provozieren. In fast allen Zeichnungen setzt der als Restaurator tätige "Maler nebenher" den Strich - der vor allem und an erster Stelle geometrisch-konstruierend ist - in unterschiedlichen Qualitäten und häufig fahriger Weise ein, lässt ihn brüchig werden oder abgerissen. Er überlagert Striche verschiedener Stärke, Dichte und Materialität. In einigen Werken Sebastian Roglers öffnet sich aufgrund dieser Überlagerungen ein Prinzip des Verfahrens, das eine gänzlich zeichnerische Neutralität hervorbringt; keine Andeutung mehr von geometrisch-räumlichen Beziehungen und Verhältnissen, nicht einmal mehr das Spiel der vereinfachten Blickpunkte, unter denen sich bestimmte Räume verändern. In ihnen erweist sich, dass der einfache Umriß, der graphische Zug völlig ausreichend ist, um alle optischen Wirkungen hervorzubringen, die vom Bild verlangt werden. Mit seinen unterschiedlichen Typen semantischer Raserei im Strich, die eher an Telefonkritzeleien erinnern, ist zwar kein Blumentopf zu gewinnen, wohl aber eine Auszeichnung der Kunstakademie in Stuttgart, die Sebastian Rogler 1988 ergatterte."

Sebastian Rogler / 11/2002 / Katalogtext zu "Der silberne Schnitt" / 25 Jahre Kunststiftung Baden-Württemberg

lieber m., habe eigentlich immer verfolgt, was du so machst. wenns bei mir nicht so richtig lief, habe ich dir neidisch nachgeschaut, deine erfolge seziert, gelästert über deine hingerotzten sachen. vielleicht gerade deshalb, weil ich glaube, daß ich dir und deinen riesenformaten immer sehr nahe war, auch wenn es so, wie du es eben angegangen bist, für mich recht unmöglich gewesen wäre. die suche nach den grenzen der aura, die sucht, selbst die kleinsten bilder, zeichen oder sachverhalte den vermutlich großen gleichwertig zu setzen, das ist wohl letztlich die suche nach tieferem, das bespielen der unbedingten und bedingungslosen oberfläche eigentlich die fiebrige sehnsucht nach vision, die es wohl nicht mehr gibt, zumindest nicht für uns. ich verstehe, daß man fetzen des sichtbaren universums aneinanderreiht, zufällig, variabel, chaotisch, unparteiisch, systematisch, ich nenne das congo. und du, immer größer. deine billige farbe, deine sich verziehenden keilrahmen, dazu grundlinienthematik, das hätte ich dir anders geraten, trotz form und inhalt und deren möglicher synergie. meine meinung. schnell, schneller und am schnellsten, wer hetzt einen eigentlich? nächstes, noch ein bild. deshalb sind meine arbeiten ja dann eher gehetzt klein - möglich, du hattest doch recht, und um die sich verbiegende holztafel sollen sich andere kümmern. jemand hat mal gesagt, der beginn des malens sei angst. und wenn man dann genug bilder gemacht hat, dann überrollt einen irgendwann selbst deren gewollte beliebigkeit, die rückbeseelungsversuche an vorgefundenen motiven oder ausschnitten davon sind erschöpft, der witz und der trash ebenso, und es nähert sich als vorläufiges nirvana der reduktion die reine schrift, und die botschaft an sich wird dann vielleicht noch verziert mit ein paar neoexpressiven pinselzügen, das ist dann der rest der aura, oder der letzte verweis auf malerei, weil sie einem ja so lieb ist, obwohl man an ihrer auflösung arbeitet, und das auch noch mit ihren eigenen mitteln. übrigens solches zuletzt gesehen von dir, natürlich in manischen drei mal acht meter. ich hätte mal wieder kontakt zu dir aufnehmen sollen. ich darf weiterprobieren, du nicht mehr. ich bin übrigens gerade bei ornament und langeweile, immerhin ca. einszwanzig auf einen meter, in mischverwandten tönen.

Birgit Kölgen / Schwäbische Zeitung, Schwarzwälder Tagblatt, 24.02.2003 / Nur nicht spießig sein! Jubiläumsausstellung der Kunststiftung

"... Die intellektuelle Herausforderung mag groß sein, sie bleibt jedoch verborgen wie auch bei den Bilderreihen des Tübingers Sebastian Rogler, der in Öl- und Collagetechnik allerlei Werbemotive und sinnlose Sprüche ("Hitlers Freundin hat Aids") festhält. (...)"

Gabriele Hoffmann / Stuttgarter Zeitung, 22.2.2003 / (...) Die Jubiläumsausstellung der Kunststiftung Baden-Württemberg

"... In Stefan Jungs Leinwandbildern endet die Selbstzerstörung der Welt mit einer Explosion. (...) Die in ihrer Perfektion mit computergenerierten Bildern konkurrierende Malerei hat ihren Gegenpol in Sebastian Roglers kleinformatigen Gemälden. Man sieht es ihnen an, dass sie das Ergebnis einer Sucht sind. Für Rogler heißt Bilder machen die Wirklichkeit in Ihren Momenten aufgreifen, ihnen "die Seele wieder einhauchen". Und so reihen sich die durch Rückbeseelung persiflierten Fundstücke in einer Mischung aus Malerei, Collage und Schrift zu einem Fries kleiner und kleinster Geschichten. (...)"

"Szene" / Stuttgarter Nachrichten, 03.04.2002

"Unter dem Titel "Als Stuttgert Schule machte" präsentieren Reinhard Döhl und Andreas Auer einen Internet-Reader zur sogenannten Stuttgarter Gruppe um den Wegbereiter der Netzliteratur, Max Bense. Dort findet sich auch eine komplette Bense-Bibliografie von Elisabeth Walther. Alles Weitere unter : www.das-deutsche-handwerk.de."

Sebastian Rogler / 5/2002 / Sieben Jahre Volvic / Katalogtext zu DAS DEUTSCHE HANDWERK / Raschke, Rogler, Riemann / "Sieben Jahre Texas"

1. Du hattest vor zu spielen und hast Dir dann ein Schloss in Volvic angeschaut.
2. In Volvic herrscht Null-Land, mit großen, stillstehenden Zeiten. In Volvic stehen Deine Wiegen. Dein Spiel wird erst sichtbar da draußen, in Volvic, und auch die Dinge lassen dort irgendwann und gerne die Hosen fallen. In Volvic will niemand spielen. Möglichkeiten und Spielkarten sind etwas für Prägephasen. In Volvic lacht man über Prägephasen, hier ist es wichtiger, daß du nicht erschossen wirst. Das meinen dann auch die Dinge, und sie legen an auf Dich, weil sie sich und Dich lieben. Kaum ein besserer Ort als das Null-Land, um Deinen Dialog mit Deinem Bonus, dem X-Faktor, endlich abzulegen. Sofern Du überlebt hast.
3. In Volvic sind die Dinge tatsächlich weiblich, wenn sie die Höschen fallen lassen. Nach sieben Jahren Volvic hast Du gelernt, daß Patronen echt sein müssen, um sie wirklich zu verstehen. Die ganzen und auch die erweiterten Dinge, sie sind über den Haufen geschossen, Du selbst hast sie über den Haufen geschossen! Deren Tod und deren wahrhaftige Auferstehung hast Du dann, mit Ernst und am Feuer, gefeiert. Nach sieben Jahren sind die Dinge endlich das, was sie sind, und nicht mehr das, was sie vorgeben.
4. Sonne flimmert, Pferde nicken, Berge vermischen sich nächtens am Horizont, und Flüsse fließen stromaufwärts, auch immer nachts hier. Wasser tropft langsam von irgendeinem Behältnis zurück in den Hahn. Eine Thermoskanne fängt an, Geräusche von sich zu geben. Dieses Geräusch ist jedesmal neu, und obwohl Du es kennst, muß es mal für mal neu verstanden werden. Dieses Geräusch ist Volvic. Es entsteht etwas Angst und Du reichst Deine Hände in alle Richtungen. Rhythmus als Begegnung und Reaktion: Du versuchst, mit Deinem Spielen von Tischtennis, zu antworten, nicht ohne auch dabei die Umgebung immer im Auge zu behalten.
5. Pause, Auszeit. Innehalten? Nicht wirklich, denn der kleine weiße Ball fliegt, obwohl die Spieler schon längst nicht mehr zu sehen sind, und die Thermoskannen ziehen sich vor Deinen Augen langsam und leise pfeifend zurück und in sich zusammen, bis sie nur noch als kleiner heller Punkt neben Deinen auf den hölzernen Tisch gelegten Stiefeln zu erkennen sind. Du lehnst Dich zurück und schnippst die kleinen Thermoskannenkügelchen mit dem Mittelfinger in den Sand oder auf den Teer, wie Du es hundertmal getan hast. Die kleinen hellweißen Schönwetterwolken, die am verbogenen Himmel ziehen, sie langweilen Dich, weil Du sie kennst, und sie beruhigen Dich genau deshalb. Offensichtlich bewegt sich alles. Von Stillstand kann daher die Rede nicht sein.
6. Endlich den Mund halten, und ordentlich duschen.
7. Du weißt nicht, warum sieben Jahre in Volvic ungewöhnlich gewesen sein sollen. Du hast gesiebt und Du wurdest gesiebt. Du hast gespielt und gehandelt mit Deinen Dingen und Deinem X-Faktor, da draußen eben. Der Mond interessiert Dich nach wie vor nicht, und auch keine Menstruation und kein Märchen. Tibet oder Masuren oder den Amazonas wirst Du auch jetzt nicht bereisen wollen. Und solltest Du Dich, eine Revolvermündung vor Deinem Auge, entscheiden müssen zwischen Deinem Regenbogen und Deinem lauernden Klischee, Du würdest nichts wählen. Du bist gut.

Ralf Christofori / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.09.2001 / Kunstmarkt / Luxusbienen / Art Alarm: Saisonstart in den Stuttgarter Galerien

"... Während in der Galerie Michael Sturm eine Ausstellung der New Yorker Künstlerin Marcia Hafif zu sehen ist, trifft man bei Helm/Reiswig auf Sebastian Roglers "ungarischen Zufall". Die Malereien und Collagen entführen in eine heterogene künstlerische Daseinsform, die geistreich exerziert, welche Möglichkeiten das System überhaupt noch bereithält. Machen wir uns nichts vor, so die Malereien Roglers achselzuckend, "das System wächst so oder so", mit uns und ohne uns, ideologiekritisch oder affirmativ. Das Portrait des Schriftstellers Houellebecq erhärtet den neuesten "Trend #2", der neue Dreier-BMW steht für "POP", die Luxusbiene für globalen Tierschutz (...). So überspannt die Ausstellung den Bogen zeitgenössischer Bildkultur und kommentiert sie als Signum einer Zeit, in der der Zufall vielleicht noch zu den verbindlichsten Referenzen gehört. (...)"

Gislind Nabakowski / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.07.1998 / Avantgarde ist wurscht / Heitere Verlustmeldung: Das Deutsche Handwerk in Stuttgart

"Schwer lastet die Kultivierung von Objekten industrieller Fertigung auf der Kunst. Anfang des Jahrhunderts erklärte sie Marcel Duchamp zum Ready-made, und in den sechziger Jahren zapfte die Pop-art die Massenkultur an, wofür sie vom Markt zur Hochkunst erhoben wurde. Seit den satten achziger Jahren hat sich das Tempo, mit dem die Kunst auf solche Objekte zugriff, weiter beschleunigt. Das Resultat ist eine elegante Warenästhetik, die das einst künstlerische Feld mit dem Terrain des Lifestyles vereinigt hat. Gegen letzteren und die Erfolgsgeschichte der Altvorderen haben es junge Künstler heute schwer, sich zu behaupten. Selbst der Mechanismus, dass Avantgarden sich stets durch Negation der vorhergegangenen definieren, hat sich längst durch Beschleunigung abgenutzt. Ist das Ende avantgardistischer Kunst also nur Ausdruck einer unpolitisch gewordenen Kultur, die Wehmut, die den Verlust umgibt, nur ein linker Ladenhüter? Wie fröhlich der Akt der Zerknirschung wirken kann, mit dem die Fachwelt längst Abschied vom Konzept eines Avantgardismus genommen hat, offenbart das Qualitätslabel "Das Deutsche Handwerk", hinter dem sich drei Stuttgarter Künstler verbergen. Was sie in einem signalroten Kubus unter der Kuppel des Württembergischen Kunstvereins zeigen, fährt mehrspurig. Ihr Motto "Männer, Mädchen und Maschinen" verballhornst das Patriarchenwesen der Avantgarden, auch jenseits von Futurismus und Francis Picabia. (...) Um die vierzig Jahre alt sind Sebastian Rogler, Thomas Raschke und Frieder Rusmann, die Handwerker aus dem Württembergischen. Sie treiben ein Jonglierspiel mit fest in der Kunstwelt verankerten Werk- und Wertbegriffen. Der offene, feuerrote Kubus, den sie in den Kunstverein gestellt haben, persifliert einen Museumsshop, er wird mittels Direktorenzimmer zum Museum, durch Flutlichter zum Stadion und mit Hilfe eines Laufstegs zur Bühne. Und er entpuppt sich - unterstützt durch die örtliche Architektur und einen Text, der per Kopfhörer auf einen eindringt - obendrein als Tempel und Weiheort. Eine entsprechende CD liefert Erklärungen aus dem Fundus der Kunstvermittlung von Immanuel Kant über Hans Sedlmayr bis zu Martin Heideggers "Ursprung des Kunstwerks". Reflektiert wird auch über "Vier Aspekte von Kuppel, Kugel und Kubus". Hier erfährt man Details über den Streit von Experten zum Beginn abstrakter Kunst. War das genau 1910, erst 1913 oder schon 1905? Torpediert am Ende auch die Wissenschaft das Entstehen neuer Avantgarden? Die "Handwerker" bringen Zugluft in die windstillen Gegenden der Kunst. Objekte, Zeichnungen, Collagen, Brikolagen, fliegende Blätter, Vitrinen voll Fertiglyrik, das Skulpturale an Klein- und Großkunst, alles, was den Kubus füllt, gibt Zeugnis von Sackgassen, Barrieren und Schlagwörtern, die in den internationalen Kunstzentren für abgrenzende Nobilität sorgen. (...) Flugzeuge, Autos, Motoren, Radios oder Waschmaschinen schrumpfen bei Raschke, Rusmann und Rogler zum Drahtgestell. Ob sie nun an den Spitzbögen einer lahmen Rakete aus Wellpappe die Formensprache der Gotik loben oder besser gleich auf die Lichtmetaphysik der Kathedrale abheben, mit ihren tüftelnden Gütesiegeln aus Fakes und Parodie reduzieren die drei Handwerker das Wirkliche gern aufs transparente Minimum. So heben sie auf den Kult wiedergekäuter Terminologier des "Betriebssystem Kunst" ab. Denn in ihm kam schließlich der Motor "Avantgarde" zum Stillstand. Aus den ins Stocken geratenen Repertoires der Avantgarden und der symbolischen Macht der Lobpreisungen ihrer Heroen filtern die "Handwerker" einen nicht unbeträchtlichen Witz. Es geht ihnen dabei nicht darum, das Gewesene zu verlachen oder ein neues Konsumsegment zu öffnen, sondern um das Erreichen einer ironischen Distanz zum Glaubenssystem Kunst und dessen Kultwerten. Das Deutsche Handwerk durchleuchtet das marode Gebäude der Kunst und ist Lichtjahre davon entfernt, der Kunst in einer effizienten Technokultur noch utopische Potentiale zuzuschanzen. Man darf gespannt sein, wie die Spötter mit "gediegenen Artikeln" ins nächste Jahrtausend kommen."

Sebastian Rogler / 3.4.2002 / mailto: Thomas Raschke

mein lieber bomberthomas.doc, dank dir für deine zeilen vom vortag. sitze kindsaufpassend und rauchend in einer schöneberger küche, die anno 44/45 oder früher nicht zerstört wurde. habe mein drittes bier, und höre die sirenen draußen, den anflug der sonoren motoren, und habe mich heute, aus unerschütterlichem kriegstrotz, nicht in die keller begeben, die ohnehin wir gemietet haben, und die nun gerade, wenigstens teilweise, schutz bieten sollen für 26 parteien von mietern oder besitzern, die jetzt schon schreien oder beten, dabei sollten diese keller, wenn schon, nur den kindern gelten. wobei ich hier auch denke, auch männer hätten in vielen zeiten ein recht auf schutz zugesprochen bekommen sollen. wieso muß ein kapitän eigentlich absaufen mit seinem schiff und all die maate sind von der seelenlast des überlebens befreit, alle zeit? da liegen, und sie stehen noch, die helden. ohne die es keine kriege gäbe, wie eine frau schreibt. wieso schreibt dies eine frau? na klar, hätte es ein mann geschrieben, er wäre feigling. und welche frau sehnt sich nach der kapitänsstärke eines nicht abgesoffenen havarieschiffbefehlshabers? welche frau schätzt den charme eines zu früh mit dem fallschirm abgesprungenen luftkapitäns, der sein noch fliegendes zuhause allzufrüh, um seine haut zu retten, im stich ließ. dann doch lieber die trauer und erinnerung am grab, damals wie heute, ein archetyp. eine menge haben die alten, wir und die jungen zu lernen. eben höre ich, daß ein banküberfall nahe hamburg, mit dreifacher geiselnahme und flucht im pkw, glimpflich endete, in der ukraine: also doch, ein europa ohne grenzen, welches zusammenwächst. noch zu der frau, welche die helden beklagt, daß es sie gibt: sie sollte schreiben, daß es kriege gibt, solange es ERINNERUNG gibt. die helden verwesen derweilst, oder tanken in der ukraine, oder sie haben geiseln befreit, was nicht zwangsläufig zu einem krieg führen müsste. hierbei zum bild der "mangelnden initiation", welches meines wissens julia feldtkeller in bezug auf die sogenannte "spaßgesellschaft" in die gedanken warf, damals, 1993. auch frauen, und auch solche großmütter, italienische dazu, wie ORIANA FALACI, sollten sich fragen, ob sie, jenseits vom kinderkriegen, heutzutage rechtens initiiert werden. der ewige verweis auf das weltgedächtnis, welches frauen per se innehalten, widerspricht auch koedukativ aufgeklärten gedankengütern. dies jedenfalls würde ich als aufgeklärter held fordern, von aufgeklärten frauen. ob diese dann noch strumpfhalter vorweisen können, das, mein lieber bomberthomas, ist die frage, aber eine gänzlich andere... nun ein erneuter anflug alliierter verbände, unten schreien die kinder, die frauen wimmern oder schaffen durch leise befehle ruhe, die tatsächlich beruhigt, aber den feind dort oben in der luft nicht betrifft, den politischen feind. ohne ein politischer feind zu sein, ist man kein feind. nichts neues auch dies. ja, alle bomberharrisse landen final im ewigen revanchismus. so auch wir. sharon fordert den TOTALEN KRIEG und redet von einer ENDLÖSUNG. das ist postmodern in künstlerisch extremster form, oder es ist revanche. ich glaube, es ist blödheit. auf eine art, die uns deutsche nachgeborene betreffen könnte, würde ich, auch hier, bei dieser wortwahl, sagen: endlich, wir sind entlastet! leider aufkosten der palästinenser, aber versailles liegt ja auch nicht in deutschland oder palästina. und sollten wir, in forma joschka fischer, diesen konflikt bereinigen, ja zum frieden hin lösen, wären wir endgültig reinegewaschen! manchmal denke ich, diese historischen verflechtungen sind auch etwas gutes. angst bekomme ich dann, oder rationellpolitisches verständnis, wenn ich mir überlege, inwieweit oder inwiewenig die zeitgenössischen AMERICANER verflochten sind. abgesehen von vietnam vielleicht. du schreibst, die schuldigen für die geisteshaltung, daß andere verantwortlich sind fürs eigene dasein oder sterben, seien die 68er. das glaube ich nicht - siehe versailles. es war und ist immer eine persönliche entscheidung. die ausschlachtung dieses phänomens ist immer politischer, gesellschaftlicher oder persönlicher natur. was wahr ist, und was unwahr ist, bestimmen die geister. das, in aller größe, macht mir zu schaffen. ich denke, ausstellungen des DEUTSCHEN HANDWERKS beschäftigen sich letztlich immer exakt damit, zumindest waren dies die grundsätzlichen gedanken. nicht umsonst die geliebten DREIFACHBRECHUNGEN, die für mich nichts anderes bedeuten, als die suche nach der aufrechtesten aller wahrheiten innerhalb von teilwahrheiten innerhalb von wahrheiten. warum wurde beuys abgeschossen? dies ist die zentrale frage, innerhalb von TEILZENTRALREPUBLIKEN. nun wollte ich noch schreiben über den opferschutz und v.a. den täterschutz in der jetzigen republik. ein weites feld, deshalb lass ich’s jetzt doch lieber bleiben. heute würde ich jura studieren, im ernst, und nicht die freie kunst. dies, weil z.b. auch du sagst: hätten wir freien sex mit dreizehn gehabt, gäbe es heute keine päderasten. das ist falsch. genau dies. und dies ist der fehler der 68er, der sich in seinem weltverstehen einreiht, letztlich, in die anderen fehler des 20.jahrhunderts. egal ob HITLER, DDR oder SUMMEROFLOVE, zugrunde liegt die sehnsucht, verständlich, nach einem menschenbild, welches endlich wahr sein möge, um gottes willen, endlich. was jedoch fehlt, ist schlicht ein WELT-bild. ### eben wurden mir wesentliche gedanken gelöscht, die schon hier standen, vor dem kläglichen neustart, von diesem mir unsymphatischen rechnergerät. ich hatte noch einen neuen gedanken, diesbezüglich verknüpft mit dem POSTMODERNEN, an sich, versteht sich! der mir entgegengebrachte aussetzer, ungespeichert(!), hätte mich in anderen unkontrollierteren zeiten ohne zweifel zur waffe greifen lassen können, konjunktivisch, versteht sich. noch ein buchtip: robert coover, geisterstadt, roman, rowohlt. ### heute kein treffer, lieber bomber. alle gehen um 2.09uhr schlafen, zurück in ihre betten. möge der krieg doch endlich enden! beste grüße, dein harris.

Henning Dedekind / Stuttgarter Nachrichten, 29.09.2001 / DAS DEUTSCHE HANDWERK im Film / Der lange Weg zur Kunst

"Wie wird man eigentlich Künstler? Dass dazu mehr gehört als nur Begabung, das vermittelt ein Dokumentarfilm von Juergen Arne Klein, der die Künstlergruppe "Das Deutsche Handwerk" zwei Jahre lang auf ihrem Weg und Werdegang von Stuttgart über Berlin nach Paris begleitet hat. "Als ich hörte, dass sie Stuttgart verlassen wollen, dachte ich, man sollte doch mal ein Auge auf die beiden werfen", sagt Klein. Das Ergebnis ist die über 90-minütige Dokumentation "Das Deutsche Handwerk - Zwischen Anwesenheit und Abwesenheit". Die beiden, das sind Thomas Raschke und Sebastian Rogler. Die Künstler, zusammen bekannt als "Das Deutsche Handwerk", verließen 1999 ihre schwäbische Heimat, um in der neuen Hauptstadt Berlin ihr Glück zu versuchen. (...) Klein zeigt nicht nur die Bedeutung dieses Schrittes für die Arbeit von Raschke und Rogler, sondern auch dessen Tragweite bis in den privaten Bereich hinein. Wenn sich der Umzug auch nicht sofort stilistisch niedergeschlagen hat, so verändert die Großstadt mit ihren Impulsen und Möglichkeiten doch die künstlerische Selbstreflektion. (...) Klein begleitet die beiden schließlich noch nach Paris - als Stipendiaten der Cité des Arts. Der Film zeigt ein Künstlerleben, das nichts mit Presserummel und rauschenden Sektempfängen zu tun hat. Raschke, jüngst mit dem Förderpreis des Künstlerbundes Baden-Württemberg ausgezeichnet: "Kunst bedeutet erst einmal viel, viel Arbeit. Ob man letztendlich einen Beitrag zur zeitgenössischen Kunst leistet, steht auf einem anderen Blatt."

Sebastian Rogler / 01/2002 / Katalogtext zu: "Orte" / Die Weissenhofer / Hospitalhof Stuttgart

An Orte denkt man nicht im Sommer. An Orte denkt man, wenn Regen Steine oder Berge seziert, wenn Schnee Liebende oder Gräber bedeckt, oder wenn Stürme das Draußen und Drinnen beschreiben. Orte sind, wenn man denn an sie denken mag, grundsätzlich unberechenbar. Unberechenbar deshalb, weil sie nicht vergehen, wie die Zeit. Die Zeit kennen wir, nicht jedoch den Ort. Die Zeit, sie vergeht wenigstens, wie wir auch: das ist fair, man sitzt im selben Boot, und man ist gemeinsam irgendwann verschwunden. Aber Orte bleiben, und sie sind damit ehrlicher als die Zeit. Unter der Ehrlichkeit der Zeit zu leiden, das haben wir mittlerweile gelernt. Aber jede Sekunde kann sich nur definieren über den Ort, an dem sie stattfindet. Und sollte die Zeit der Milchstraße verdampfen, die Orte bleiben, an denen sich jene befand: Der Ort ist die eigentliche vierte Dimension. Daher versuchen wir ständig, uns an Orten zu verewigen. Beim Graffiti wie in der Professur oder anderen Duftmarken wollen wir nicht die Zeit beeindrucken, sondern das Gedächtnis des Ortes. Die Würdigung der Zeit ist uns sicher, der Ort hingegen ist ohne Partei und er schweigt. Das macht ihn so tragisch für uns: Orte heilen keine Wunden. Bei all unseren Anstrengungen um Orte bemerken wir nicht, daß diese ohnehin alles sammeln. Jeder Platz, an dem wir uns befinden, behält uns, kommentarlos und ohne uns um Erlaubnis zu bitten, in Erinnerung, wie er auch alles vor und nach uns in Erinnerung behalten hat. Oder aus unserer Sicht: An jedem Ort befindet sich über unserem Kopf oder unter unseren Füßen eine gigantische Säule von Gelebtem und Erlebtem. Und in jedem Augenblick unseres Daseins werden wir vom Ort mit dem, was hier vor oder nach uns stattfand, bekannt gemacht. Ob wir das wollen oder nicht. Wenn wir schwach sind, im Sommer, dann können wir durchaus die Frage nach dem Wetter vor sechshundert Jahren am Ort dieser oder jener heutigen Kreuzung in Berlin zulassen. Wenn wir stark sind allerdings, im Winter, oder durch den Herbst aufgeweicht, dann könnte aus dieser Frage schnell werden: Wie viele Kinder wurden am Ort unserer heutigen Küche lebend oder tot geboren, und wie viele Mütter überlebten. Interessant, melodramatisch und letztlich tragisch die Frage, die daraus resultiert: Der Fernseher welches Menschen wird einmal an der Stelle meines Sterbebettes stehen. Den Orten jedenfalls scheint dies alles gleich zu sein, obwohl sie sich um uns, ungefragt, bemühen. Das ist es, was sie unberechenbar macht. Daher sind Orte das Religiöseste, was es nach Gott gibt: Er hat Orte als seine Stellvertreter erschaffen.

Jürgen Kisters / Kölner Stadt-Anzeiger, 23.05.2000 / Simultanhalle / Die Weissenhofer stellen sich vor

"... Ein bisschen von allem berühren auch die Kunstgriffe von Sebastian Rogler. Er hängt eine Mohnblumenzeichnung unter eine Krücke, bannt die Gegenstände in Ölfarben, setzt die Malerei ins Spannungsfeld von Werbeplakaten und sorgt für die grundsätzliche Durchmischung von banalen Materialien und künstlerischen Stoffen. (...)"

Sebastian Rogler / 27.06.2001 / The Systems in the Congo / Catalogue "Sebastian Rogler - Der ungarische Zufall" (The Hungarian Coincidence)

Dear friend. When you have a baby, for example. You are not the creator. It was there anyway. Your only decision is whether you are there, so that it can develop. The child has to do with you only insofar as you are the one that gave its point-being a confused system of possibilities. It does not matter here what possibilities or impossibilities those are: The system grows one way or another. The things that make art out of something are there anyway. You select precisely one point, no more than that. Or a picture you have seen. This picture, or the point, are not yours. You have merely seen them. You merely select them. You are the catcher. It’s like fucking. Being able to make art is like being able to fuck. One can learn, or one can’t. You can learn to draw, or you can’t. You can learn to catch, or you can’t. I don’t know. The rest, at any rate, is a lot and it happens by itself. Not even the fever that you thereby catch is your own. You are not the creator of a system, you are already part of it when you have merely seen it. Everything functions suddenly, very quickly, or suddenly, over years. You have to surrender. Maybe you can manage to administer the catching, maybe not. What does your wife think about this?
You are astounded and defend yourself. You must surrender. All you have to be able to do is to see. It’s warm, and all pictures exist: You are in the Congo.

Nikolai B. Forstbauer / Stuttgarter Nachrichten, 4.12.2000 / Rusmann: Kunst wird verschenkt

"Auch die Trennung von einer Künstlergruppe kann Kunst sein. Das zumindest führt Frieder Rusmann vor: "Frieder Rusmann schenkt Das Deutsche Handwerk Thomas Raschke und Sebastian Rogler" verkündet eine "Pressemitteilung". (...) Dass Rusmann die längst vollzogene Trennung zur bewussten Aktion macht - geschenkt auch dies."

Sebastian Rogler / 09/1998 / Raschke ist Bildhauer / Katalogtext zu: Thomas Raschke / "Meine erste kleine Kunstausstellung

"Raschke ist Bilderhauer. Es würde ihn nicht geben, wenn es nichts zu tun gäbe. Es würde ihn nicht geben, wenn es nichts zu glauben gäbe. Habe selten so monumentales Spielzeug gesehen. Was ist nicht alles Spielzeug? Ironisierung und Idealisierung durch Spielzeug. Essen auf Rädern, eine Ausgeburt. Rosinenbomber, wie bitte? Wer verniedlicht da, um heimlich Katzen überfahren zu können. Es sind tatsächlich Inhalte, die Raschke zu seinen Bildwerken veranlassen. Er findet die Dinge und nennt ihre Namen - andere beschäftigen sich lebenslang mit der Vermeidung des Benennens der Dinge. Heute sagen wir dazu "Umsetzung". Raschke setzt pro Monat so einige neugewonnene Archetypen um. Der Weg ist das Machen, das Hauen. "Wie, bitteschön, ist das gemacht". Wichtig ist, dass es gemacht ist, es wäre kein Raschke, wenn’s nicht doch gemacht wäre, tatsächlich funktionieren würde, wäre es denn nicht aus Pappe oder Schaum. Bildhauer der inneren Form, Skulpteur der Funktion? Frage: Muß eine Pappmaschine funktionieren? Sie muß. Die Maschine in Güte und Bedrohlichkeit das Tattoo des 20. Jahrhunderts, Spielzeug eben. Ein erheblicher Teil Besessenheit muß dahinterstecken, auch dann, wenn er den "Umsetzern", die ihn belächeln ob seiner vermeintlichen Unmodernität, sein Werkzeug ausleiht, weil die ihre Eigentumswohnung renovieren lassen wollen. Die Lust an Reinheit, zum Ritter geschlagen über die Qual des Machens in hochtechnisierter Zeit, das könnte es sein? Ein Traktor. Er wird durch die Umsetzung unantastbar. Eigentlich schwebt er, er ist gar nicht da, obwohl man vor ihm steht. Raschke zeigt Zitate von Modellen von Arbeiten über Begriffe. Was bleibt mir da, als zum Kind zu werden? Der Glaube an Kleinheit, die Kleinheit des Machens. Der Bauer der Popart, der so blöd ist, ein Euter abzuschnitzen, mühsam, statt es z.B. einfach zu fotographieren. Oder zeigt er uns die Dinge, wie sie wirklich scheinen? Ist nun der Traktor das Schaf und Raschke der Wolf, oder umgekehrt oder überkreuzt, ich weiß es nicht. Da schnitzt einer aus proletarischen Materialien Zeppeline oder gießt aus Aluminium einen Mond. Da baut einer Herzensbrechen, noch oder schon wieder, also zu spät geboren oder schon wieder zu früh geboren. Irgendwie gibt mir Raschke die Dinge zurück, ohne analytische Impressionen, Interpretationen oder barocke Schnörksel. Damit erst werden sie wieder wahrnehmbar. Inhalt, Größe, Material. Und damit Ideal und damit Funktion. Raschke ist Idealist, er hat das Jahrhundert im Rücken und die Raketen, die Baader-Meinhofler, die Häuslesbauer und die Bauhäusler nicht vergessen, vielleicht verleiht er deshalb sein Werkzeug auch an diejenigen, von denen er weiß, dass sie es ihm nie zurückgeben werden. Betonlaster auf Luftbrücken. Es würde ihn nicht geben, wenn es nichts zu tun gäbe, es würde ihn nicht geben, wenn es nichts zu glauben gäbe. Ich denke, Raschke hat den Streit Maler/Bildhauer erst einmal gewonnen, vielleicht wirken deshalb seine Arbeiten oft so, als wollten sie sagen: Möge es meinen Kindern einmal besser gehen. Also doch zu früh geboren. Ätsch.

Peter Herbstreuth / Der Tagesspiegel, 18.07.1993 / Durchgangsstation oder Zukunftsmodell / Produzentengalerie Broschwitz in Kreuzberg

"... Sebastian Rogler ist Zeichner und Geschichtenerzähler. Auf dem Sperrmüll im traditionsbewussten Stuttgarter Westen fand er Fotoalben. Sie waren von einer Rentnerin, die ihr drittes Alter in Florida zuende bringen wollte und mit leichtem Gepäck ausgewandert war. Für diesen Stadtteil ist das eher selten der Fall. Man wirft Persönliches nicht weg, man verbrennt es. Rogler ging der Geschichte nach und ließ sich verwickeln. Ebenso geht er in den Zeichnungen auf Spurensuche. Erstellt Sequenzen her, klebt Fotos, schreibt darüber. Raschke und Rogler sind beide Anfang der sechziger Jahre geboren. Vor zwanzig Jahren hätte man das, was sie tun, "individuelle Mythologien" genannt und hervorgehoben, dass sie bei Rogler lyrisch, bei Raschke verträumt seien. (...)"

Valerie Hammerbacher / Stuttgarter Zeitung, 18.11.1999 / Er ist doch nicht blöd / Sebastian Rogler in der Galerie Helm/Reiswig

"... Die Galerie im Obergeschoss der stilvollen Villa wird zum Warenhaus, wenn Sebastian Rogler mit seinen Arbeiten, hintersinnig und kokett, die Welt des Sein und Schein, des Begehrens und Besitzens kommentiert. Wir befinden uns plötzlich inmitten einer Ausstellung, die die Kunst des Versprechens zur künstlerischen Überzeugung macht. Werbesignets werden mit Kuli auf kleinformatige Blätter übertragen und erhalten dadurch den Charme handschriftlicher Kritzeleien. So bedient sich Rogler ironisch am Ladentisch der Konsumgüter und an der Theke der Popart, indem er die Ästhetik des Alltäglichen zum Bildgegenstand erhebt. Das Spiel beginnt, zwischen künstlerischer Geste und normierter Werbetypographie. Das Zitat sticht, und Wiedererkennung ist die entscheidende Schrecksekunde, die garantiert, dass die Arbeit mitten ins Reklamegedächtnis der Zielgruppe getroffen hat. (...) Eine andere Arbeit zeigt einen Citroen, der aus einer Anzeigenkampagne der sechziger Jahre stammen könnte. Sebastian Rogler (...) hat ihn diagonal ins Bild gesetzt und lässt die Ölmalerei wie einen eingeklebten Zeitungsausschnitt wirken. Darunter kritzelt er den lapidaren Satz "Ich bin doch nicht blöd", der Assoziationen an den Slogan eines bekannten Medienmarktes hervorruft. Abgerundet wird die Komposition durch die lose eingestreuten Worte "love" und "bonbon". Der Künstler (...) amüsiert dabei, ohne in platte Belanglosigkeit abzudriften. Er lächelt dem Betrachter zu, indem er die alltägliche Dingwelt kritiklos akzeptiert. Frei nach dem Manifest der Künstlergruppe: "Das deutsche Handwerk kritisiert, dass das Überprüfen von Sehgewohnheiten zur zeitgenössischen Sehgewohnheit geworden ist." Anläßlich der Ausstellung hält Rogler ein Zuckerle für den Besucher bereit. Eine Sonderedition von insgesamt secht überdimensionierten Bronzebonbons zum absoluten Nice Price stehen zur Verfügung. Da möchte man sich doch der Galeristin Sylke Helm anschließen und sagen: Lieber Rogler, Danke heißt merci."

Ulrike Knöfel / Der Spiegel, 01/2000 / Kunst / Karaoke fürs Auge

"... Als Mitglied des Künstlertrios "Das Deutsche Handwerk" hat Rusmann schon früher den heiligen Kommerz persifliert, genauso, wie die verbiesterte Kritik daran. So bauten die "Handwerker" 1998 im Württembergischen Kunstverein einen Museumsshop - mit bedeutenden Promi-Devotionalien (...). Selbst die ernste "FAZ" lobte die fröhliche "Duchamperei" als "Zugluft in den windstillen Gegenden der Kunst". (...)"

Martin Mezger / Esslinger Zeitung, 17.11.1999 / Die Welt als Ware und Wertvorstellung / Sebastian Rogler wartet in der Galerie Helm/Reiswig auf Bonbons

"Die Schönen, Reichen und Halbnackten lächeln von ihren Ikonen herab auf jenen Punkt, wo die Kamera gestanden haben müsste. Doch kein Paparazzo linst mehr durchs Objektiv, keine Regenbogenpresse harrt des schnellen und kommerzglatten Bildmaterials. Hier war ein Künstler altmodisch mit Blei- und Rötelstift, Pinsel und allenfalls noch Kugelschreiber zugange. Im "falschen" Medium begegnet einem der falsche Schein eines besseren - also leitbildtauglichen und massenvermarktbaren - Lebens. Ein Akt der Subversion? Kritik am Warenfetischismus? Medienpersiflage? Sebastian Roglers Bilder (...) zeigen schlichtweg die wahre Welt als Ware Welt. Umwerfend neu ist das nicht, Warhol und die Pop-Artisten haben es schon vor Jahrzehnten vorexerziert. Wie sie (ent-) wirft Rogler Schatten von Medienschatten, Abbilder von Abbildern. Dennoch haben die Arbeiten des 1961 geborenen Künstlers eine eigene und eigentümliche Brisanz. Sie künden von einer Welt, wo noch die privateste Privatheit ihre Haut zur Medien- und Marktwirtschaft trägt; wo jede zwischenmenschliche Regung nur auf der Werteskala der Einschaltquoten gilt; wo jede Psycho-Logik zum Logo erstarrt. "Merci" prangt unter den Köpfen der Happy-Few, als wären sie Schoko-Sticks. Im Nivea-blauen Himmel düsen Jets und fallen Fallschirme (nach einer Flugzeugkatasrtrophe?), "Nie wieder Krieg" erscheint als Werbespot, und die Stripperin bekennt: "Ich war Kommunistin". Flaue Schlagzeilen-Rhetorik, Sexappeal blanker Busen, bonbunte Display-Graphik: Rogler zeigt stets dieselben Reflexe von Reiz und Reaktion. Die Wirklichkeit wird zum fröhlichen Reich abgelöster Zeichen und bedeutungsloser Botschaften, die Warenwelt zeigt das lächelnde Gesicht einer Verpackung ohne Inhalt. Ohne Inhalt? Nicht ganz. Der Künstler wartet laut Ausstellungstitel auf Bonbons. Einige hat er schon gefunden. Die lässt er sich auf der Zunge zergehen, und dann sind sie weg. Was bleibt, stiftet seine Kunst: Keine Kritik, nur einen leichten, aber unverkennbar bitteren Beigeschmack."

Brigitte Werneburg / taz-berlin, 17.07.1993 / Das Deutsche Handwerk lebt / Kunst in Berlin jetzt: Das kleine Format, auch bei Gerhard Merz, Storno, Raschke und Rogler, Milev, Dittmer, Jung

"Das Deutsche Handwerk lebt derzeit in der Produzentengalerie Broschwitz auf. (...) Daher hängen die kleinformatigen Gemälde und Zeichnungen von Sebastian Rogler auch frei an der Wand, wie es sich für Kunst gehört. Zwei Portraits tragen den Titel "Langweiliges Bild". Die 24 Zeichnungen binden in Collagetechnik auch Fotos und Texte ein. Eine brave Druckgraphik aus dem Anfang des Jahrhundert zeigt ein Fräulein, dem die Worte "Haben Sie schon mit einem Neger geschlafen" beigestellt sind. Ein anderes Fräulein tropft gelb zwischen den Beinen, und ein drittes ist als Akt auf ein Weckglas aufgemalt, wobei die untere Körperhälfte sinnigerweise eben durch die Büchse von Weck repräsentiert sein soll. Eine andere Zeichnung behauptet "Hitlers Freundin hat Aids". Auf die Frage, ob das nicht alles etwas misogyn daherkommt, und warum eigentlich Hitlers Freundin Aids hat und nicht sein schwuler Stabschef Röhm, werden frauenfeindliche Anklänge selbstredend verneint. Die Ersetzung der Freundin durch den Freund allerdings, "das wäre doch schwulenfeindlich". (...)"

Martin Schick / 12.01.1998 / Auzüge der Eröffnungsrede zur Ausstellung Sebastian Rogler "Schnecks Welt"

"... (übrigens wird im Anschluß Sebastian Rogler selbst einen Abgesang mit dem Titel Sex & Drugs & Rock`n Roll [gepfiffen zum Cassettenrecorder] zu Gehör bringen. Ich möchte da auch gleich einhaken: [gerade für die jüngeren unter Ihnen ist da noch ein Fremdwort zu klären]) ---
Rock`n Roll ist eine verstaubte Angelegenheit etwa aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, eine Haltung, von der es hieß, sie sei Protest gegen Erwachsenenkultur und Wohlstandsgesellschaft. Und als solche ist diese Haltung mittlerweile sogar in der Kunst, wo sie sich immerhin noch lange in leitender Funktion der Abteilung Subversion halten konnte, mausetot. Die Zeit der großen gemeinsamen Themen ist vorbei, und wir kriegen keine befriedigende Antwort auf die Frage nach dem, was wir stattdessen Neues bekommen haben. Und was die Kunst heute umtreibt, wo die Themen liegen? Man kann immerhin soviel feststellen, dass sich den bekannten Unübersichtlichkeiten eben neue dazu gesellen, - und wenn es denn noch so etwas wie einen Zeitgeist gibt, so scheint er sich der Optionen bewusst zu sein, die in einer kulturellen und politischen Entwicklung liegen, die sich ohne dramatische Brüche über mehrere Dekaden erstreckt (nachdem das Jahrhundert mit soviel gipfelstürmerischer Brillianz und schillernden Weltentwürfen begann), - der Zeitgeist also verströmt eher eine fröhliche Sachlichkeit, (oder meinetwegen:) eine Neue Unaufgeregtheit. Man kann gelassen auf die Spekulationen, Posen und mystischen Spirenzchen der letzten Jahrzehnte zurückblicken, sich zurücklehnen und gemütlich den Bildern beim Trocknen zuschauen.
Unser Held, Martin Kippenberger, ist tot. Mögen auch sein abgeklärter Humor und seine Kreativität auf die Zukunft mehr ausstrahlen als viele seiner noch lebenden Altersgenossen. Die junge Metropolen-Avantgarde hat derweil die Zirkusnummer des Malerschweins ohnehin vom Programm gestrichen und laboriert mit kommunikativen Mustern, Rahmen, Programmen, Codes, Ambiente, versucht Setzungen im soziologischen und Wiederbelebungen im schon historischen Kontext, kokettiert mit uneingelösten Reisescheinen und beinahe-politischen Aktionen. Die Hippness-Fraktion ist jedenfalls sehr beschäftigt: Mit der wiedererwachten Sehnsucht nach gesellschaftlichen Relevanzen (wenn auch sehr brav und verhalten), mit einer an sich überfälligen Beschäftigung mit Fragestellungen des Urbanismus (...).
Der arg ausgebeulte Kunstbegriff hat einem genügend Handlungsspielraum verschafft, auch wieder für eine Zuwendung zum Linguistischen, zur Konkreten Poesie, zum Schwelgen im Buchstabieren. Man versucht, liegengebliebene Fäden aus den Sechzigern wieder aufzunehmen, denen man sich ohnehin ästhetisch näher denn je fühlt, und ist damit in der Nähe der Stelle, an der auch Sigmar Polke einst angesetzt hat.
Über den Kontext der eben genannten Aspekte kann man sich auch der Arbeit von Sebastian Rogler nähern; vor allem aber sind mit Kippenberger und Polke die Namen zweier Künstlerpersönlichkeiten gefallen, die uns mehr noch auf Roglers Fährte bringen. Der Künstler ist sich über ihre Vorbildfunktion durchaus im klaren: "Meine Masche ist doch ganz einfach", sagt Rogler, "es geht immer um Weiber, Waffen, Autos". So lapidar ist das, wie im B-Movie, aber gottseidank noch nicht alles. Doch die Alltagswelt ist sicherlich eine von Roglers Hauptbezugsquellen für Ideen, und der Film gehört selbstverständlich wie die anderen Massenmedien zum Alltäglichen dazu. Die anderen beiden aber sind: Die Kunstwelt, und insofern macht Rogler immer auch Kunst über Kunst, - späte Rache an der Pop-Art -; und als drittes er selbst und seine Rolle als Künstler oder eben: Schneck. Seine Arbeit entwickelt sich kontinuierlich und ohne radikale Wechsel, oft kommt er auf bestimmte Themen und Formen über Jahre hinweg immer wieder zurück. So hat er schon zur Zeit der letzten Tiefausläufer der Neuen Wilden ein Faible für stille, kleine Bleistift-Zeichnungen entwickelt, mit ein ganz wenig Farbe und ein paar Schnipseln noch. Sensible Linienzeichnungen sehr kleiner Motive wie etwa die Damenschuhe, denen das Aspirin-Logo unter der Sohle klebt. Alles scheinbar beiläufig und zurückhaltend, auf die Kraft der Bedeutung weniger, aber gut gemachter, gezielt ausgesuchter und entschieden kombinierter Elemente vertrauend. Dem geneigten Betrachter könnten vor allem zwei Dinge auffallen: (...) Sebastian Rogler immer ein Zeichner, der Zeichner der Aspirinsohlen, geblieben, weil er das auch am besten kann, auch wenn das zugefügte Material sich verändert; und Fremd-Material übrigens, das muß für Rogler schon dabei sein, muß zu eigenen zeichnerischen Elementen dazukommen, entweder ganz handfest in Form von Collagematerial oder Durchzeichnungen oder kunsthistorischen Zitaten oder auch nur stilistisch, es geht ihm gar nicht so sehr um die Herausbildung eines eigenen Zeichen-Stils, interessant wird es für ihn dann, wenn ein Zeichnen "im Stile von" (XY) dazukommt. Andererseits: Der heute oft gepflegte Verzicht auf alles Handschriftliche, Individuelle, reizt ihn überhaupt nicht.
(...)
Aber Stillosigkeit ist nun mal Roglers Sache. Beim gewollten Zielkonflikt, eine Art geplanter Interaktionsstreß graphischer Möglichkeiten, ist Sebastian Rogler in seinem Element, je mehr mögliche Bedeutungen möglicher "Geschichten" er erzeugen kann, desto besser; und mit dieser Vielansichtigkeit steht er auch in der Tradition der Moderne, aller Modernen, deren zerteilter Blick bekanntermaßen ihr zentrales Phänomen ist. Ob er seinen Professor mit einer besonders dummen Linie quälte, verbale Attacken gegen politische Korrektheiten reitet, die Kunst der unmöglichen Kombination verfeinert, falsche Formulierungen auskostet, groteske Wortspiele herauskitzelt, unverhofft aus der Empfindsamkeit ins Vulgäre flüchtet oder eine Art Interferenz zwischen der Suche nach künstlerischen Lösungen und der Suche nach Frauen inszeniert."

Sebastian Rogler / 06/1998 / Vorstellung von Jörg Mandernach (Keith Weissenhofer) anlässlich der Ausstellung "Die Weissenhofer - Bessere Aussicht" / Galerie im Kornhauskeller, Ulm

"Jörg Mandernach ist ihr Flugbegleiter.

Jörg Mandernach ist freischaffender Bildgestalter.
Jörg Mandernach bezeichnet sich selbst oft nicht als Maler, sondern als freischaffender Bildgestalter.
Er sammelt die Dinge, die uns umgeben, baut sie ein wenig um und bietet sie Ihnen, mit einem Schwung Farbe malerisch ausgearbeitet, als bildgestalterischen Erklärungsvorschlag eines Teilproblems der Welt an.
Dafür hat er, wie er selbst sagt, ordentlich seine 10 Semester an einer Kunsthochschule studiert.
Jörg Mandernach ist Ihr freundlicher Flugbegleiter.

Jörg Mandernach ist ein Märchenonkel.
Große zur Befruchtung geöffnete Blüte trifft kleinere Hand in Grau, die ein als "Ding" zu bezeichnendes Ding hält, aus dem schwarzweisses Wasser fließt.
Oder: Zwei große Männerbeine stehen hinter vor ihnen schwebenden Tassen, die obere gießt sich aus in die untere, alles vor Rot.
Das kann ja alles in der Wirklichkeit gar nicht so sein, ist demnach also erfunden und damit ein Märchen also Kunst.
Jörg Mandernach ist Ihr freundlicher erfindender Flugbegleiter.

Jörg Mandernach ist ein Mann und ernst und gebildet.
Jörg Mandernach weiß um die Dinge der Welt.
Er weiß auch um die Verhältnisse der Dinge der Welt untereinander auf der Welt.
Er kennt die Tiefen und Abgründe der Dinge, der Tiere und der Menschen.
Er kennt die Zeichen der für solche Sachen zuständigen Spezialisten.
Er weiß: Der Schlaf der Vernunft gebiert Archetypen.
Jörg Mandernach ist Ihr Flugbegleiter mit Vollabitur.

Jörg Mandernach ist Ihr freundlicher flugbegleitender freischaffender Archetypenhersteller.
Als Märchenonkel, gebildeter Mensch und Malermann liefert er Erklärungsmodelle und Sinnbilder (TUSCH).
Das alles in Wachs, damit die Botschaft auch klebenbleibt.
Unverrückbar, selbstverständlich und so mächtig dabei, so geschlossen in sich, als gäbe es keinerlei andere Möglichkeit mehr das jeweils angestrebte Motiv samt Aussage mit bildnerischen Mitteln zu zeigen.
Jörg Mandernach formt letzte Bilder!

Als fliegende Kunstkenner haben Sie das nun - mit meiner Hilfe - erkannt, und wenden sich dem Wein und dem Vernissagengespräch zu und dem Bild ab. Aber Jörg Mandernach ist ein Schelm mit enormer Brustbehaarung! Oder: Keith Weissenhofer ist Ihr böser Flugbegleiter. Ich persönlich stehe nicht gern mit dem Rücken zu Mandernachschen Bildern. Ikonographisch deutbarer Archetyp Feuersalamandernach kommt aus Nasenloch von Frauenkopf, der seinerseits der Kunstgeschichte entlaufen zu sein scheint. Glauben Sie nun wirklich, dass diese angebotene Erklärung so gemeint ist, wie Sie sich die Erklärung erklären? Glauben Sie wirklich, dass ein Mandernachsches Rot der Farbpsychologie zu Füßen liegt, die Sie kennen? Sind Sie wirklich überzeugt davon, dass eine monumentale Mandernachsche Blüte nichts anderes meinen kann als eine riesige Vulva? Jörg Mandernach fragt Sie: "Wollen Sie einen Cognac oder eine Limonade?". Ich glaube nicht, dass ein Flugbegleiter heute noch malen würde - und das auch noch in pompeijanischem Wachs - wenn er den Betrachter so zügig entlassen wollte. Nein, die vereisten Tragflächen sind es, die unseren Bruder Keith reizen, die Frage hinter jeder zeitgenössisch angebotenen Antwort ist es, die ihm die Brusthaare wachsen ließ. Der Unglaube jeder Form von Erklärung gegenüber ist es, der ihn bewog, ein freundlicher, beobachtender Flugbegleiter zu werden, der Ihnen die Bilder zum Platz bringt. Der Ihnen die Welt so gestaltet, wie sie scheint, und so erfindet, wie sie ist. Dank."

Georg Leisten / Stuttgarter Zeitung, 17.10.2001/ Retrokult mit Bildstörung / Die Galerie Helm/Reiswig stellt Vater und Sohn Rogler aus

" Eine Vater-Sohn-Ausstellung hat sich Sebastian Rogler immer schon gewünscht. Jetzt tut ihm die Galerie Helm/Reiswig den Gefallen und ergänzt die im Neopop schwelgenden Bilder des 1961 geborenen Wahlberliners mit den Landschaftsaquarellen seines Vaters Harald Alexander Rogler (1920-1966). Der Maler und Architekt, der in Stuttgart und Tübingen wirkte, pflegte einen figürlichen Expressionismus, den er mit kräftigen Primärfarben instrumentierte, wie wir zum Beispiel seinem Blatt "Bodensee" entnehmen. Rogler junior dagegen gibt sich unter dem nicht ganz auflösbaren Geheimtitel "Der ungarische Zufall" lustvoll der Trivialität hin, ohne selbst trivial zu werden. Genormte Holz-, Plastik- oder Aluminiumplättchen verziert er mit diversen Kleinmalereien, denen die Bilderwelt in alten Illustrierten zum Vorbild diente. Auch für seine Collagen plünderte der junge Künstler per Scherenschnitt die Zeitschriften der jüngeren Vergangenheit. Während man das im vergangenen Jahr entstandene, tiefblau hingewischte Haus noch als Reminiszenz an die väterliche Farblust deuten mag, fügt sich der Rest zum nostalgisch ironischen Panorama zusammen, in dem Joan Crawford, Marilyn Monroe und andere Medienikonen ebenso anzutreffen sind wie das warenweltliche Logo einer Gesichtscreme. Daneben werden noch weitere Spezialitäten der sechziger Jahre ausgekostet, insbesondere die Farbfeldmalerei. Zugleich aber schleicht sich etwas ein, das diesen unbekümmert erscheinenden Retrokult verstört. Was etwa hat das Portrait eines zeitgenössischen Skandalautors wie Michel Houellebecq in dieser illustren Gesellschaft des Gestrigen zu suchen? Und wieso prangt auf einer anderen Aluminiumtafel eine so abstruse historische Erfindung wie der Satz "Hitlers Freundin hat Aids"?"